Eine Weinstadt im Höhenflug

von Klaus Egle / Wien

Letzte Bearbeitung: April 2005

Wiener Wunder

Wien ist die einzige Großstadt der Welt mit bedeutendem Weinbau innerhalb der ?city limits?. Wurde der Wiener Wein aber früher vor allem als ?resches Tröpferl? beim Heurigen geschätzt, so ist er heute auch als Qualitätswein in aller Munde.

Wer Wien besucht und unsere kulinarische Dreifaltigkeit das Wiener Beisl, das Kaffeehaus und den Wiener Heurigen dabei auslässt, ist selbst schuld? Der Mann, der da so klare Worte findet, muss es wissen, schließlich ist er kein geringerer als der Bürgermeister der Stadt. Doch wenn Michael Häupl - im Übrigen selbst ein passionierter Weinliebhaber - findet, dass in Wien großartiger Wein gekeltert wird, dann spricht aus ihm nicht nur der Lokalpatriotismus. Tatsächlich erlebte der Wiener Weinbau in den vergangenen Jahren einen richtiggehenden Höhenflug: Zahlreiche Initiativen und das Engagement vor allem der jungen Winzer verpassten dem urbanen Rebensaft ein kräftiges Facelifting in Sachen Qualität und Image. Doch keine Angst: Die sprichwörtliche Gemütlichkeit ist den traditionellen Wiener Heurigen dabei keineswegs abhanden gekommen. Aber neben dem Vierterl in weiß oder rot trinkt man jetzt auch glasweise ausgezeichnete Bouteillenweine vom Riesling über den Weißburgunder bis zum Zweigelt.

Die Stadt als Weinregion

Dabei hat Wien einen ganz besonderen Status, denn die Hauptstadt ist gleichzeitig eine eigene Weinbauregion. Rund 700 Hektar Weingärten befinden sich innerhalb der Stadtgrenzen das ist weltweit einzigartig! Sie prägen das Stadtbild, stellen einen wesentlichen ökologischen Faktor dar und sind ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Wiener und ihre Gäste. Aber vor allem bilden sie die Grundlage für den Wiener Weinbau. Wien ist vor allem ein Weißweingebiet, wobei Sorten wie Riesling, Weißburgunder, Grüner Veltliner, Sauvignon blanc oder Gelber Muskateller ausgesprochen fruchtige und elegante Weine bringen. Zunehmend werden von den Wiener Winzern jedoch auch Rotweine, allen voran Zweigelt und St. Laurent aber auch trendige internationale Sorten wie Merlot, Cabernet Sauvignon und Syrah gekeltert. Geprägt wird der Wiener Wein sowohl von pannonischen Klimaeinflüssen, denen er die Reife verdankt, als auch von kühlen Winden aus dem Norden, die ihm Frische und Fruchtigkeit verleihen. Ein perfektes Zusammenspiel der Kräfte aus dem fruchtig-elegante Weine entstehen, die viel Trinkspaß bereiten und sich perfekt als Speisenbegleiter zur Heurigenjause oder zur Wiener Küche eignen.

Vom Heurigen zur Vinothek

Getrunken wird der Wiener Wein nach wie vor zu einem guten Teil beim Heurigen, als Gemischter Satz aus mehreren Rebsorten. Es handelt sich dabei um die Wiener Variante der Cuvée, wobei hier die Rebstöcke nebeneinander im selben Weingarten stehen. Daneben kommt aber den sortenreinen, hochwertigen Bouteillenweinen, die den Wiener Wein inzwischen auch über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus zu einem Begriff gemacht haben, eine wachsende Bedeutung zu. Doch auch in Wien selbst entdecken immer mehr Gastronomen und Vinothekare die Vorzüge des Weines, der praktisch vor ihrer Haustüre wächst denn die Qualität stimmt und der Slogan ?Wein aus Wien? ist zudem ein gutes Verkaufsargument. Das umso mehr, als die Wiener Weine in jüngster Zeit bei nationalen Verkostungen immer öfter auf dem Stockerl stehen und somit beweisen: Wiener Wein ist spitze!

Junger Wein für junge Wiener

Getragen wird der Aufschwung des Wiener Weines vor allem von den jungen Winzern der Stadt die, gut ausgebildet und oft bereits international erfahren, mit einem ganz neuen Qualitätsdenken an die Weinproduktion herangehen. Diese Verjüngungskur kommt auch in einer neuen Marke zum Ausdruck, die mit großem Erfolg lanciert wurde: dem Jungen Wiener. Bereits ab Anfang September werden die Trauben für diesen ersten Vorboten des kommenden Jahrgangs gelesen und Ende Oktober ist es dann soweit: Der fruchtig-frische, trendige Jungwein wird erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Der Junge Wiener steht für jugendlichen Charme und unkompliziertes Trinkvergnügen und erweist sich besonders beim jungen Publikum und in der Szenegastronomie als Renner.

Der Wiener Heurige ist nicht von gestern

Draußen hängt der Föhrenbuschen und neben der Tür das Schild mit der Aufschrift Ausg`steckt Sie stehen vor einem echten Wiener Heurigen und das bedeutet, dass ausschließlich Eigenbauwein aus Wiener Weinrieden ausgeschenkt wird. Eine Tradition, die auf eine Verordnung des damaligen Kaisers Josef II. aus dem Jahr 1784 zurückgeht, der den Winzern erlaubte, Wein aus eigener Erzeugung auszuschenken. Doch das Wort Heuriger hat noch eine zweite Bedeutung: Es steht für den Wein vom aktuellen Jahrgang, der pünktlich zu Martini (11. November) zum Altwein wird. Die ungezwungene Atmosphäre, die Gärten am Rande der Stadt, der gute Wein und die feinen Schmankerln machen den Heurigen zu einem beliebten Ausflugsziel für ein bunt gemischtes Publikum ? von der Jungfamilie bis zum Rentner, vom Studenten bis zum Generaldirektor.

Wiens schönste Heurige

Hengl-Haselbrunner

19., Grinzing, Iglaseegasse 10, Tel. 01/320 33 30, Fax 320 86 96

E-Mail: office@hengl-haselbrunner.at

Internet: www.hengl-haselbrunner.at

Etwas abseits vom betriebsamen Zentrum Grinzings gelegen findet man beim Hengl-Haselbrunner mit seinem lauschigen Garten und den gemütlichen Stüberln noch echte Heurigen-Atmosphäre. Einige der besten Rotweine der Stadt sowie ein feines Buffet mit Highlights wie Schinkenfleckerln, Topfenknödeln oder Mini-Grammelknöderln runden den positiven Gesamteindruck dieses gediegenen, engagiert geführten Betriebes ab.

Mayer am Pfarrplatz

19., Heiligenstadt, Pfarrplatz 2, Tel. 370 33 61, Fax 370 47 14

E-Mail: mayer@pfarrplatz.at

Internet: www.mayer.pfarrplatz.at

Das denkmalgeschützte Beethovenhaus am Heiligenstädter Pfarrplatz ist gleichermaßen Pilgerstätte für kulturhistorisch interessierte Touristen wie Heimat einer Vielzahl treuer Wiener Stammgäste. Herr über diesen Heurigen-Klassiker ist Franz Mayer, der seinen zahlreichen Rollen als Winzer, Gastgeber und unermüdlicher Prediger für den Wiener Wein mit Bravour gerecht wird. Längst legendär sind seine Alsegger und Nußberger Rieslinge und sein Altweinkeller gilt zu Recht als ?Gedächtnis? des Wiener Weinbaus.

Reinprecht

19., Grinzing, Cobenzlgasse 22, Tel. 320 14 71, Fax 320 57 13-22

Im 300 Jahre alten, ehemaligen Kloster befindet sich ein wahres Heurigen-Mekka mit 15 Stüberln in allen Größen und einem weitläufigen Garten und auch die klassische Schrammelmusik kann man hier noch in ihrer ursprünglichen Form erleben. Neben einer ausufernden Korkenzieher-Sammlung wartet Hausherr Hugo Reinprecht mit einer breiten Palette vielfach ausgezeichneter Weine auf.

Göbel

21., Stammersdorf, Stammersdorfer Kellergasse 151, Tel. 294 84 20

E-Mail: weinbau.goebel@a1.net

Der höchstgelegene Heurige in Wiens einziger echter Kellergasse ist ein Buschenschank der etwas anderen Art. Der gelernte Architekt Hans Peter Göbel hat hier eine Art Vision des Heurigen der Zukunft entwickelt. Im modern gestylten, coolen Ambiente des Schankraums oder dem idyllischen Gärtlein erfreut man sich zu einem zeitgemäß interpretierten Buffet an einigen der besten Rotweine Wiens.

Schilling

21., Strebersdorf, Langenzersdorfer Str. 54, Tel. 292 41 89, Fax 292 82 66

E-Mail: schilling.weingut.heuriger@aon.at

Internet: www.servus-in-wien.at/schilling/index.html

Herbert Schilling war zweifellos einer der Wegbereiter des Qualitätsheurigen in Wien. Bereits Ende der achtziger Jahre wurden hier Bouteillenweine in Riedelgläsern ausgeschenkt. Vor allem die duftigen Weißweine wie Riesling, Sauvignon blanc und Chardonnay locken nach wie vor nicht nur fröhliche Zecher, sondern auch Freunde feiner Wiener Qualitätsweine zum Schilling nach Strebersdorf. Weiteres Highlight: Die hausgemachten Brat-, Blut- und Leberwürste.

Obermann

19., Grinzing , Cobenzlgasse 102, Tel. 328 43 41

Seit über 130 Jahren besteht dieser etwas außerhalb vom Zentrum Grinzings am Beginn der Höhenstrasse gelegene Heurige. Touristen sind im kleinen Garten und in den gemütlichen Stuben eher Mangelware, umso mehr trifft man hier langjährige Stammgäste, die sowohl die ausgezeichneten, von Junior Martin Obermann gekelterten Weine als auch das typische Heurigenbuffet zu schätzen wissen.

Wiener Spitzen - die Topwinzer der Wein-Hauptstadt

Rainer Christ

21., Jedlersdorf, Amtsstraße 14, Tel./Fax 292 51 52

E-Mail: weingut.christ@aon.at

Internet: www.weingut-christ.at

Rainer Christ, einer der Shooting Stars der Wiener Weinszene hat die Metamorphose vom Weinhauer über den Winzer bis zum Winemaker bereits abgeschlossen. Mit Weinen wie der Rotweincuvée Mephisto oder seinem Weißburgunder Vollmondwein hat Christ gezeigt, dass bei ihm das Gespür für zeitgemäßes Marketing ebenso ausgeprägt ist wie jenes für Weingarten und Keller. Dabei ist das seit rund 350 Jahren bestehende Weingut ein echter Familienbetrieb, in dem Christs Eltern für ein gelungenes Zusammenspiel von tollen Weinen und einem typischen Wiener Heurigen sorgen.

Michael Edlmoser

23., Mauer, Maurer Lange Gasse 123, Tel./Fax 889 86 80

E-Mail: office@edlmoser.at

Internet: www.edlmoser.at

Einfach guten Wein machen - das ist es, was sich der junge Michael Edlmoser zum Ziel gesetzt hat. Und wie die zahlreichen Auszeichnungen der vergangenen Jahre zeigen, hat er diese Zielsetzung bereits weit übertroffen. Eingebettet in das Umfeld eines der besten Heurigen von Wien, der von den Eltern Lucia und Karl-Heinz Edlmoser mit viel Herz und Engagement betrieben wird, produziert der Junior Weine, die jedes Jahr um eine Qualitätsstufe zulegen. Dabei reicht die Palette von typisch wienerischen, fruchtigen Weißweinen bis hin zu ?Barrique-Granaten? internationalen Stils.

Irene Langes

21., Stammersdorf, Senderstraße 355

Verkauf: 2102 Bisamberg, Adalbert-Stelzmüller-Gasse 16

Fr. 17.00 - 19.30 Uhr oder nach tel. Vereinbarung

Tel. 0664/413 68 69

Als Quereinsteigerin - und noch dazu in einer reinen Männerdomäne - hatte es die gebürtige Südtirolerin Irene Langes zunächst nicht leicht, als sie sich vor einigen Jahren in den Kopf gesetzt hat, in Wien Wein zu machen. Durch Können, Charme und Beharrlichkeit hat sie sich inzwischen jedoch mit ihren würzigen Grünen Veltlinern, ihren fruchtig-eleganten Rieslingen und ihren dichten und stoffigen Rotweinen in der Spitzengruppe der Wiener Winzer(innnen!) etabliert.

Weingut der Stadt Wien

19., Grinzing, Am Cobenzl 96, Tel. 320 58 05, Fax 328 22 86

E-Mail: w@m49.magwien.gv.at

Internet: www.wien-at.net/cobenzl

Der Status als Weinstadt wird nicht zuletzt dadurch unterstrichen, dass die Stadt Wien bereits seit dem Jahr 1905 ein eigenes Weingut besitzt. Im modern ausgestatteten Keller hoch über Wien am Cobenzl verarbeitet Betriebsleiter Thomas Podsednik den Ertrag von beachtlichen 32 Hektar Rebflächen zu qualitativ hochwertigen ? und bereits vielfach prämierten ? Weinen mit regionstypischem Charakter.

Fritz Wieninger

21., Stammersdorf, Stammersdorfer Straße 78, Tel. 292 41 06, Fax 292 86 71

E-Mail: weingut@wieninger.at

Internet: www.wieninger.at

Seit dem Beginn seiner Arbeit, als er von Auslandspraktika in den USA zurückkehrte, wo er sich entscheidende Impulse holte, verfolgt Fritz Wieninger konsequent sein Ziel, große Weine von internationalem Format mit Wiener Touch zu keltern. Die Bandbreite reicht dabei vom wuchtigen Gemischten Satz über elegante Rieslinge und international vergleichbare Chardonnays bis hin zu Pinot noirs und Cabernets, die den Qualitätshorizont für Wiener Rotweine neu definiert haben. Der von Wieningers Bruder Leo geführte Heurige steht dem Weinbau in Sachen Qualität in nichts nach und ist nach wie vor der beste Platz um diese zu genießen.

Richard Zahel

23., Mauer, Maurer Hauptplatz 9, Tel. 889 13 18, Fax 889 15 67

E-Mail: winery@zahel.at

Internet: www.zahel.at

Richard Zahel ist mit seinen ausgezeichneten Weinen wesentlich dafür mitverantwortlich, dass Mauer heute als aufsteigender Stern am Wiener Weinhimmel gilt. Von diesem stammt übrigens auch die Bezeichnung für seine rote Top-Cuvée aus Zweigelt, Merlot und Cabernet Sauvignon: Antares, der hellste Stern im Sternbild des Skorpion. Hatte man aus dem Süden Wiens bis vor wenigen Jahren nur einfache Heurigenweine erwartet, so wird man spätestens durch Richard Zahels Weine vom leichten, fruchtigen Muskateller über elegante Rieslinge bis zu den kraftvollen Rotweinen eines Besseren belehrt. Nachzukosten ist dies - nicht nur - im von Richards Bruder Alfred geführten Heurigen am Maurer Hauptplatz.