Datum: 10.04.2006

Quelle: Centro de Prensa de Turismo de México




Die mexikanische Semana Santa: Realismus und Dramaturgie bei der Nachstellung der Kreuzigung Christi

Bei diesen mexikanischen Feierlichkeiten vermischen sich katholisch-religiöse Traditionen mit alten indigenen Riten.
In Ortschaften wie Iztapalapa, Pátzcuaro und Uruapan wird die Kreuzigung bühnenreif auf der Straße nachgestellt.

Die mexikanische Semana Santa, die Osterwoche, fällt vor allem durch ihre realistische Darstellungsweise der auf den Straßen nachgestellten Kreuzigung Christi auf. Obwohl die schauspielerischen Darstellungen ihren Ursprung in den theatralischen Erzählungen haben, die Missionare zum Besten gaben um Indios vom katholischen Glauben zu überzeugen, haben sich doch mit der Zeit auch vorkolumbianische Elemente älterer Bevölkerungsgruppen mit hineingemischt. Das Osterfest wird dadurch, weltweit einzigartig, von kulturell unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen aller mexikanischen Staaten gefeiert.

Die Individualität der Semana Santa in den indigenen Bevölkerungsgruppen liegt hauptsächlich in der Verbindung der katholischen Kreuzigung mit anderen, nicht unbedingt katholischen Elementen, wie der Nachstellung historischer Zeitabschnitte der Eroberung durch die Spanier, Darstellungen von Leben und Tod oder die Erneuerung der Erde. Solche Feiern werden von diesen Bevölkerungsgruppen auch als wichtige Eckpfeiler eines bestimmten Zeitsystems gesehen, und die Semana Santa befindet sich in einem Zyklus, der auf entscheidende Art und Weise mit der Landwirtschaft verbunden ist.

Die zwei unterschiedlichen Kulturen zeigen sich vor allem in den zahllosen Tänzen, die zu dieser Zeit aufgeführt und ausgelebt werden: die Spannbreite reicht von strengen katholischen Schrittfolgen zu kultischen Sonnenanbeter-Tänzen, sowie von dramaturgisch-historischen Darstellungstänzen, bei denen geschichtsträchtige Persönlichkeiten im Vordergrund stehen, zu Präsentationen körperbemalter „Wilder“. Alle Tänze haben außer dem Evangelium auch mit Reinheit und Purifikation zu tun.

Besonders interessant ist die Semana Santa in Michoacán, die sich auf die Zeit der Kolonialisierung bezieht. In Ortschaften wie Tzintzuntzan und Pátzcuaro, beispielsweise, jagt eine Gruppe von Reitern durch die Straßen, um Christus zu suchen. In Tzintzuntzan fallen vor allem die Büßer ins Auge, die halbnackt, vermummt und an den Füßen gefesselt durch die Ortschaft schleichen. In Urupan geht es weniger grausam zu: Am Palmsonntag öffnet dort jedes Jahr für eine Woche der traditionelle Markt für Kunsthandwerk aus Michoacán.

In Mexiko Stadt hat die Nachstellung der Passion Christi auf dem Berg Iztapalapa bereits Kultstatus erreicht. Tausende von Zuschauern versammeln sich jedes Jahr auf der Anhöhe, um die Kreuzigung mitzuerleben. Dabei verschwimmen schon mal die Grenzen zwischen Show und Realität: der Jesus-Darsteller trägt tatsächlich ein Kreuz von 100 Kg Gewicht und eine echte Dornenkrone auf dem Kopf. Bis er die Kuppe des Berges erreicht, muss er vier Kilometer durch gewundene Gassen zurücklegen, wo Interessierte und Gläubige Zeugen eines einzigartigen Schauspiels werden können.

An anderen Orten, in Oaxaca zum Beispiel, werden schon lange vor der Semana Santa Altäre für die heilige Dolores vorbereitet. Dort werden Figuren unterschiedlicher Tiere aus porösem Ton hergestellt und an möglichst dunklen Orten aufgestellt, damit die Körner im Lehm auskeimen und eine einzigartige Farbenvielfalt präsentieren können. Später werden mit diesen Kreationen die großen Altäre geschmückt, und die Einwohner der Stadt treffen dort am Vortag des Gründonnerstags mit einer Hand voll Lorbeeren und Öl zusammen, um zu beten.

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