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Quelle: Oberösterreich Tourismus

Endspurt mit Gelassenheit
Auf der Schlussetappe des Ennstalradweges durch Oberösterreich
von: GERHARD EISENSCHINK

Die letzte Etappe des Ennstalradweges durch Oberösterreich lädt ein, sich Zeit zu nehmen für Landschaft und Lukullisches entlang der Strecke. Und sich zu freuen auf den Abschluss einer abwechslungsreichen Radtour. Ein Enns-Endspurt der gemütlichen Art.

Altenmarkt bei St. Gallen, 9 Uhr morgens. Heute wird wieder ein toller Tag mit prächtigem Sommerwetter. Kerstin, Bernd, Astrid, Klaus und ich hängen die Packtaschen an die Räder, stecken die Karten in die Lenkertaschen und fahren los. Herrlich, so ein klarer Morgen. Die Amseln singen in den Büschen, ein Bussard kreist hoch im blauen Himmel.

Der Fluss gibt den richtigen Takt an: Entspannt fließt er dahin. Vergessen die Gischtfontänen und das Tosen in den Schluchten des Gesäuses, das wir mit der Enns gestern passiert haben. Entspannt und heiter gleiten auch wir dahin, wenngleich ein ständiges Auf und Ab kleinerer Steigungen dafür sorgt, dass wir kräftig am Treten sind. Wir könnten es noch sportlicher angehen und eine Strecken-Alternative des Ennstalradweges nehmen. Von Altenmarkt führt eine Route nach Westen durch das Reichraminger Hintergebirge wieder an den Fluss. Von der Entfernung genauso weit wie im Tal. Aber es wären 350 Höhenmeter am Stück zu bezwingen. "Mein eigener Hintern ist mir da wichtiger als das Reichraminger Hintergebirge," bemerkt Kerstin trocken.

Also weiter im Tal, auch wenn die Hintergebirgsroute als landschaftlich sehr schön gilt. Vier Tage lang folgen wir der Enns schon ab ihrem Ursprung am Fuß der Niederen Tauern. Nach 150 Kilometern ihres ungezwungenen Laufes wird jetzt die quirlige Wilde gezähmt. Zehn Kraftwerke regeln mit Staudämmen ihren Lauf bis zur Donau und lassen die Enns immer mehr wie einen grünen Fjord erscheinen, der sich harmonisch in die Landschaft einfügt. Kurz vor dem alten Flößermarkt Weyer mit seinem prächtigen Marktplatz nehmen wir uns ausgiebig Zeit für einen Blick auf die Landschaft. Die Enns ist umrahmt von markanten Bergrücken - wie vom Urwald überzogen wirkt das Panorama. "Die Enns wie ein Tropenfluss in Costa Rica," kommentiert Kerstin einmal mehr sehr treffend. Da scheint es nicht ganz zu passen, dass wir plötzlich Ziehharmonika-Musik hören. Tatsächlich! Um die letzte Flussbiegung treibt gemächlich ein Floß mit einer Schar feiernder Menschen und einem Musikanten heran. Einige Baumstämme zusammengefügt, ein kleiner Außenbordmotor, Sitzbänke, Sonnensegel und ein Fass Bier sind alles, was es zu einem amphibischen Tagesausflug braucht. Glückseligkeit mit fünf Stundenkilometern. Das neue, das gemächliche Gesicht der Enns gefällt uns.

Für uns wird es bald weniger gemächlich. Am Habichler Berg kurz nach Großraming ist "Kette links" angesagt und in der kürzesten Übersetzung kämpft sich jeder nach oben. Da ist es eine willkommene Pause, das Besucherzentrum des Nationalparks Kalkalpen anzulaufen. Der Park reicht vom Fluss über das Reichraminger Hintergebirge nach Westen bis zum Sengsengebirge - eine der abgelegensten Regionen Österreichs. Entsprechend reichhaltig ist das Potpourri der Natur. Von zackigen Kalkbergen, grünen Almen, ausgedehnten Wäldern, tiefen Schluchten bis kristallklaren Bächen ist alles vertreten. Besiedelt von so seltenen Tieren wie Bär, Luchs, Schwarzstorch oder Dreizehenspecht.

Wir verlegen die Naturbeobachtungen für heute aber nach drinnen in die Ausstellungen des neuen Besucherzentrums, prüfen uns gegenseitig beim Baumarten-Quiz und durchwandern die Katakomben der Erlebnisbox "Wildnis im Boden" mit überdimensionalen Engerlingen, Asseln, Würmern und Tausenfüßlern. Dann hat uns das Ennstal wieder und wir treten kräftig in die Pedale. Doch jetzt meldet sich der Hunger. Also gleich die nächste Pause, diesmal in Reichraming.

Der Ort ist als ehemaliger Standort der Eisenverarbeitung der richtige Rahmen für ein historisches Hammerherren-Menü. Die Hammerherren waren die reichen Besitzer von wassergetriebenen Hammerwerken, in denen das Eisen der Region weiterverarbeitet wurde. Ihre prächtigen Herrenhäuser zieren neben Reichraming viele Orte entlang der Enns.

Seit dem Mittelalter war der Fluss Transportband für die steirischen Erze - das Tal ist es noch heute. Wo jetzt das Rattern voll beladener Güterzüge von den Uferwänden zu uns hochdringt, waren früher die Erz-Flöße unterwegs. Die "Eisenstraße" verläuft als alter Handelsweg zwischen Hieflau über Steyr bis zur Donau entlang der Enns. Heute ist der Fluss zur Kultur- und Freizeit-Route mutiert. Ab dem Mittelalter war die Enns und ihre Umgebung Industrieregion. Damals klopfte, klapperte, rauchte und zischte es im Tal. Schwert-, Messer- und Nagelschmiede, Plattner, Bogner, Büchsen-, Sensen-, Huf- und Pfannenschmiede fertigten ihre Produkte. 1845 gab es nicht weniger als 49 Sensenwerke in der Region der Enns und ihrer Nachbartäler - und einige hundert Messerfertigungen.

Von der emsigen Messerfertigung an der Enns können wir uns einige Kilometer flussabwärts selbst überzeugen. Vor Ternberg steht neben dem Radweg das Weltrekord-Taschenfeitl-Denkmal. Dieses größte Taschenmesser der Welt verweist unübersehbar darauf, dass sich auch heute noch eine Feitel-Manufaktur im Ennstal befindet. Unübersehbar wie das Riesenmesser sind nun auch die Veränderungen der Landschaft. Ab Ternberg fließt die Enns vom Bergland hinaus in ein sanft geformtes Hügelland. Umso flotter geht unsere Fahrt voran. Wir erreichen Garsten mit seinem Benediktinerkloster und dann Steyr, das Schatzkästchen mit dem mittelalterlichen und barocken Stadtbild. Fast 70 Kilometer war unsere Etappe heute lang, bis Enns wären es nochmals gut 40. Sicher, der Weg wäre meist flach und bequem zu fahren. Und könnte in Enns in der ältesten Stadt Österreichs direkt in den lukullischen Hafen einer Mostschenke führen.

Doch warum sich nicht Zeit lassen für Steyr, das im Mittelalter der reichste Ort Österreichs war. Sich den Prunk der prächtigen Bürgerhäuser am Stadtplatz anschauen. Sich ein gemütliches Nachtquartier suchen, dann unten an der Enns zu Abend essen und dem Fluss nachmeditieren. Morgen, Enns, wirst du uns gelassen die letzte Etappe bis zu deiner Mündung begleiten. Und für heute ist Kerstins Kommentar wieder einmal nichts mehr hinzuzufügen: "Ich bin im Urlaub und nicht im Endspurt."

Ennstalradweg:
Von Radstadt in der Steiermark bis nach Enns in Oberösterreich führt der Ennstalradweg. Insgesamt ist der Ennstalradweg 250 Kilometer lang, der Abschnitt in Oberösterreich zwischen Altenmarkt und Enns umfasst 92 Kilometer. Die Etappenorte wie Weyer, Großraming, Losenstein und Trattenbach waren über Jahrhunderte hinweg Zentren der Eisenverarbeitung. Heute grenzt das Ennstal hier direkt an den Nationalpark Kalkalpen, der das Sengsengebirge und das Reichraminger Hintergebirge umfasst. Die Stadt Steyr an der Mündung der Steyr in die Enns kam durch den Handel mit und die Verarbeitung von Eisen zu großem Wohlstand, der sich im historischen Stadtbild aus den verschiedensten Epochen bis heute zeigt. In Enns, der ältesten Stadt Österreichs, mündet der gleichnamige Fluss in die Donau und der Ennstalradweg endet.

Packages:
Eine Tour auf dem Ennstalradweg von Radstadt bis nach Enns und weiter in die oberösterreichische Landeshauptstadt Linz umfasst sieben Übernachtungen mit Frühstück und Gepäcktransfer, die Rückreise mit der Bahn, ausführliche Informationsunterlagen und pro Zimmer eine Nierentasche für den bequemen Transport der Reiseunterlagen zum Preis ab € 389,-- pro Person. Oberösterreich Tourismus Information: Freistädter Straße 119, 4041 Linz, Tel.: +43/(0)732/221022, Fax: +43/(0)732/7277-701, E-Mail: info@oberoesterreich.at, http://www.radfahren.at



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