Datum: 10.05.2006

Quelle: Saarländischer Rundfunk


Die Kleine Carmargue im Elsass
Zuschauerinfo zur Sendung FAHR MAL HIN, SR, 09.05.06. Ein Film von Maria C. Schmidt. Liebevoll werden die letzten Rheinauen im südlichen Elsass Kleine Camargue genannt. Denn sie haben viele Ähnlichkeiten mit dem berühmten Naturschutzgebiet im Rhonedelta. Die "Freunde der Kleinen Camargue" haben es mit vereinten Kräften geschafft, einen Wettlauf gegen die Zeit zu gewinnen, und aus einem kleinen Stück Elsass kurz vor der Grenze zur Schweiz eine wahre Naturoase zu machen. Sie konnten die einst wasserreichen Auen vor dem Austrocknen und Versanden bewahren und auch die historische Fischzuchtanstalt von Hüningen vor dem Abriss retten. Zahlreiche Besucher bewundern heute die prächtigen Gebäude und machen sich hier auf einen Weg, der sie die fast verlorenen Schätze der Natur und damit auch die lange Geschichte des Rheins entdecken lässt. Im Umland der Kleinen Camargue warten ebenfalls so einige Überraschungen. Bis heute kann man hier am Oberrhein dem ein oder anderen Hobbygoldwäscher auf der Suche nach dem legendären Rheingold begegnen, noch 1838 lebten rund vier-hundert professionelle Goldwäscher in der Region. Auch die Spargelbauern, die in der Gegend seit Generationen ihre Felder bewirtschaften, blicken auf einen reichen Schatz an Erfahrungen zurück. Das historische Fort Hüningen schließlich lädt ein, zu einer Zeitreise, die zurückführt bis in die Epoche des französischen Königs Ludwig XiV. Die kleine Ortschaft Huningen dagegen ist heute weniger als geschichtsträchtiger Ort denn als beliebtes Ziel für Kanuten bekannt.
Die Geschichte der Hüninger Fischzuchtanstalt. Um 1850 gewährte der französische Staat einem Professor aus Paris großzügige Kredite, um eine kaiserliche Fischzuchtanstalt aufzubauen.Durch die zunehmende Industrialisierung und das Anwachsen der Bevölkerung brauchte man ständig mehr Nahrung. Deshalb hatten Forscher und Fischer nach langen Versuchsreihen heraus gefunden, wie man im Labor Fischeier besamen und Fische züchten könnte. Für den Zuchtbetrieb wählte man die Gegend bei Blotzheim am Rhein, weil es dort genügend Grundwasser durch Hangquellen gab, außerdem Bachwasser durch den Augraben und Rheinwasser vom Hüninger Kanal, der 1830 gebaut worden war. Darüber hinaus lag der Ort günstig, um die Fischeier per Bahn vom 4 km entfernten St. Louis aus zu verschicken. Auch waren die reichen Fischgründe im Rhein, die Nähe des Bodensees und der Schweizer Seen ausschlaggebend, um diese staatliche Anstalt so weit weg von Paris zu bauen. Von den Ingenieuren wurde sie „Huningue“ getauft. 1854 war das Hauptgebäude mit den Labors und einer Wohnung für den Direktor fertig gestellt. Um die Brutapparate ständig mit Wasser zu berieseln, mussten sechs Männer in Tag- und Nachtschicht von Hand pumpen. Die Fischer der umliegenden Flüsse besamten Fischeier, die sie sodann an die Anstalt verkaufen konnten. Dort wurden sie in riesigen Brutapparaten ausgebrütet. Die Eier wurden dann kostenlos in Frankreich verteilt und in andere Länder verkauft. Die Anstalt wurde ständig vergrößert, bald schon setzte ein reger Besucherstrom ein, teils waren es interessierte Fischzüchter, teils Schaulustige, die durch die Presse von diesem einzigartigen Betrieb gehört hatten. Die Hüninger Fischzucht war ein wegweisendes Modell. Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 bescherte dem Aufstieg ein jähes Ende. Nachdem das Elsass an das Deutsche Reich angegliedert worden war, lag die Arbeit ein Jahr lang brach. Dann wurde der ostpreußische Hermann Haack zum kommissarischen Leiter der Kaiserlichen Fischzucht ernannt. Schon bald wurde wieder Fischbrut an andere Anstalten abgegeben, nun allerdings gegen Bezahlung. Für die französische Seite war der Verlust von „Hüningen“ ein schwerer Schlag, erst 10 Jahre später wurde bei Epinal in Lothringen eine neue staatliche Fischzucht eröffnet.
Die Petite Camargue. Naturschützern ist es zu verdanken, dass die letzten Rheinauen unterhalb von Basel gerettet wurden. Sie erhielten 1973 das Nutzungsrecht für einen kleinen Teil des ehemaligen Fischzuchtgebietes. Die Ornithologische Gesellschaft Basel spendete Geld für die Umgestaltung und so begann eine neue Ära mit Ausstellungen, Führungen und dem neuen Namen Petite Camargue Alsacienne. 1978 bekamen die Amis de la Petite Camargue/"Freunde der Kleinen Camargue die Pacht des gesamten Gebietes Sie beschlossen, Edelfische wie Lachse, Bachforellen und Bachsaiblinge zu züchten trotz der noch schlechten Wasserqualität. Die Fischproduktion konnte von Jahr zu Jahr gesteigert werden. 1982 wurde das Gebiet von 114 ha durch einen Regierungserlass in Paris offiziell als Naturschutzgebiet ausgewiesen – dies war die erste Klassifizierung im Elsass. Heute betreibt der Verein auf 218 ha ein Naturschutz-Zentrum, ein Naturschutz-Gebiet, ein Universitäts-Feldlabor und eine Vogelwarte. Hinzu kommen eine moderne Fischzucht, eine museale Fischzucht wie anno 1852 und die permanente Ausstellung "Der Rhein gestern und heute“. Durch die Kanalisierung des Rheines ist die ehemalige Auenlandschaft weitgehend verschwunden. In der Kleinen Camargue wird versucht, einige Teile der Au wieder zu beleben. Altarme wurden ausgebaggert und durch periodische Überschwemmungen gelingt es, die Dynamik der Au langsam wieder herzustellen. 2,8 ha Wasserfläche wurden neu geschaffen. Es sind wieder bedrohte Vögel wie Kiebitz und Rohrweihe eingezogen. Nachtigall, Laubfrosch und Gartenschläfer können hier langfristig überleben. Sumpfschildkröten werden ausgewildert. Studenten und Professoren der Uni Basel untersuchen Auswirkungen auf Flora und Fauna.
So kommt man hin: Von Straßburg aus die Autobahn A 35 Richtung Colmar/ Muhlhouse/ Basel benutzen, etwas 5 Kilometer vor Basel die Ausfahrt St. Louis nehmen. Dann Richtung St. Louis und an der ersten großen Kreuzung links abbiegen. Nach etwa 2 Kilometern kommt rechts der Hinweis zum Parkplatz "Petite Camargue". Rechts abbiegen, dann kommt gleich der Parkplatz. Die "Kleine Camargue" selbst kann nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkundet werden. In der "Kleinen Camargue" finden regelmäßig Führungen statt. In den Ferien werden auch zahlreiche Veranstaltungen für Kinder angeboten. Das Naturschutzgebiet ist aber auch eigenständig zu erwandern. An besonders interessanten Stellen sind hölzerne Türme aufgebaut, von denen aus man die verschiedensten Tierarten beobachten kann.
Der Rhein gestern und heute: Im großen Ausstellungsraum erzählen Planen, die von der Decke hängen, die Geschichte des Rheines, seine Bedeutung als Fluss, als Mythos. Auf dem Fußboden ist der ursprünglich weit verzweigte Rheinverlauf aufgemalt. In Nischen werden Tiere vorgestellt, die damals am Rhein lebten. Im zweiten Teil der Ausstellung geht der Besucher durch das Betonbett des kanalisierten Rheines, alles ist grau und gerade und vorstrukturiert. Fotos der Kraftwerke und Staustufen verdeutlichen die heutige Situation. In der Ausstellung „Museale Fischzucht“ gibt es Aquarien mit verschieden großen Lachsen und Forellen, mit Kies- und Sandbett. Die Pumpen aus der Anfangszeit der Fischzuchtanstalt sind zu sehen, Besamung und Brut der Lachseier wird erklärt sowie die Wanderung der Lachse. Durch eine Glasscheibe abgetrennt ist die moderne Fischzucht. "Lachs 2000“ wird ein Projekt genannt, mit dem der Lachs wieder heimisch gemacht werden soll im Rhein. Jährlich werden etwa 300 000 Lachse aufgezogen.
Ludwig XIV. verstärkte die Grenze am Rhein mit zahlreichen Festungen. In diesem Zusammenhang wurde das alte Dorf Huningue (828 urkundlich erwähnt, im Besitz des Ordens, der das Baseler Münster erbaute) zerstört, die Bewohner nach Village Neuf und St. Louis umgesiedelt. In Huningue selbst ließ Ludwig XIV. durch seinen Architekten Vauban ein Fort errichten, Huningue blieb bis 1876 Garnisonsstadt. Ein historischer Rundgang führt zu den interessanten erhaltenen Gebäuden der Militärzeit und im Historischen Museum ist die gesamte Geschichte des Ortes gut dokumentiert.
Für Wasserfans interessant ist der „Parc des eaux vives“. Parallel zum Hüninger Kanal wurde ein Wildwasserfluss von 350 m Länge angelegt, dazu gehören ein Anfänger- und ein Slalombecken mit mittlerem Schwierigkeitsgrad. Es werden Kurse für Kinder und Erwachsene und auch für Schulklassen angeboten. Das Ufer säumen Kletterwände und schöne Spielplätze. Der sandige Rheinbeckenboden ist sehr fruchtbar, die Bauern der Gegend pflanzen vor allem Spargel an, ihn zeichnet ein besonderer Geschmack aus.
Bei Kembs mündet der Rhein-Rhone-Kanal in den Grand Canal d’Alsace. Außerdem steht hier das älteste Kraftwerk des Oberrheins, es gehört der EDF und wurde 1928 – 32 mit 6 Turbinen gebaut. Die Schleuse von Kembs passieren täglich 60 bis 80 Schiffe. Die EDF liegt mit Naturschützern im Streit über die Menge des Wassers für den Restrhein. Die Naturschützer kämpfen für mehr Wasser, um dadurch einen ursprünglicheren Zustand und einen ursprünglicheren Naturzustand wieder herzustellen.

Touristische Infos: Petite Camargue Alsacienne, 1, rue de la Pisciculture, 68300 Saint-Louis, Tel. : 0033 3 89 89 78 59, Fax : 0033 3 89 89 78 51, e-mail : petitecamarguealsacienne@wanadoo.fr
Office du Tourisme, Maison de Haute Alsace, F-68300 Saint-Louis/ Huningue, Tel. : 0033 3 89 70 04 49, Email: ot.saintlouis.huningueb@wanadoo.fr

Landgasthof/Hotel Rebstock, Große Gass 30, D-79576 Weil am Rhein-Haltingen
Tel.: 07621/ 96496-0, Fax: 07621/ 9649696, www.rebstock-haltingen.de
Hotel/Restaurant Tivoli, 15, avenue de Bâle, F-68300 Huningue, Tel.0033 3 89 69 73 05
Restauant Au Cerf, 72, rue du Gal de Gaulle, F-68128 Village Neuf, Tel. 0033 3 89 67 12 89

Mémoire du Saumon/ Mémoire du Rhin, In der Petite Camargue, 1, rue de la Pisciculture
F-68300 Saint Louis, Tel. 0033 3 89 89 78 59, Fax. 0033 3 89 89 78 51
Musée historique de Huningue, 6, rue des Boulangers, 68330 Huningue, Tel.0033 3 89 44 65 47

Parc des eaux de vives, La Timonerie, BP 350, F-68333 Huningue, Tel. 0033 3 89 89 70 20, Email : parc-eaux-vives@wanadoo.fr
Die Schleuse von Kembs, Le barrage de Kembs, Tel.0033 3 89 48 35 66
Zur Geschichte der Stromgewinnung am Rhein gibt es in Mulhouse das Museum Musée Electropolis, 55, rue du Pâturage, F-68057 Mulhouse, Tel.: 0033 3 89 32 48 50, www.electropolis.com

© 2006 Saarländischer Rundfunk



Copyrigth © 2006 by FineArtReisen Die vorliegende Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Abbildungen, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung von FineArtReisen urheberrechtswidrig und daher strafbar.