Der überlieferung nach handelt es sich bei dem Ringwallvulkan Hverfjell um die Flammenburg der schönen Riesentochter Gerda. Schon in der Edda ist zu lesen, dass hier ein riesiges Feuer getobt hätte. Ein Zeichen dafür, dass der Hverfjall schon zur Landnahmezeit nicht mehr aktiv war. Solche Ringwälle entstehen bei kurzen, aber umso heftigeren Eruptionen. Dieser hier gilt als einer der perfektesten Ringwallvulkane, die es auf der Erde zu sehen gibt. Schade, dass das Wetter keine nähere Besichtigung zulässt.

Eine Augenweide - saftig grüne Wiesen und Wollgras haben die Pseudokrater erobert. fotos: Armin Rohnen

FineArtReisen® Artikel Nr. 22831 vom 22.12.2009


Schwefelduft, Mücken und Labyrinthe

Am Abend dieses Tages, als wir gemeinsam mit einigen Isländern am Grillplatz unseres Zeltlagers speisen, besprechen wir die nächsten Stationen unserer Reise. Auf dem Programm der folgenden Etappe stehen die Fotomotive der "Flammenburg der schönen Gerda" und die "Geisterstadt" in der Nähe des Myvatn-Sees. Am nächsten Morgen bauen wir unser Zelt auf der Götterwiese ab und fahren auf der F88, die uns nordwärts durch eine Geröllwüste bis zur Ringstraße führt. Auch auf dieser Stecke, die uns lange Zeit mit ihrem schottrigen Untergrund gut durchrüttelt, müssen wir ein paar Flussläufe queren. Wüste und Wasser sind hier im ständigen Wechsel. Zwischendurch, an einem wunderschönen Wasserfall, legen wir eine Fotopause ein.

Erst auf der Ringstraße gelangen wir wieder in den Genuss eines ebenen Untergrundes - welch' Wohltat für die gebeutelte Wirbelsäule. Die Ringstraße verläuft hier an der Kreuzung in der Nähe von Grimsstadir in westliche Richtung durch ein weites Tal. Rechts und links der Straße, inmitten der nun wieder grüner werdenden Landschaft, markieren noch Überreste sehr alter Steinhaufen den Verlauf früherer Siedlerpfade. Schon von weitem sind nun vor dem nächsten Anstieg an den Hängen des Namafjalls zahlreiche Dampfschwaden zu erkennen - die Schwefelfelder von Hverir. Über diesen Berg verlief in früheren Zeiten ein Reit- und Wanderweg. Der typische und sehr intensive Schwefelgeruch lässt dann auch nicht mehr lange auf sich warten. Neugierig wie wir sind, wandern wir natürlich auch über die für Besucher abgesteckten Wege der Schwefelfelder. Zum Glück weht ein Wind, so dass wir ab und zu auch frische Luft einatmen können. Der penetrante Geruch von faulen Eiern und Schießpulver hält uns aber nicht davon ab, die überaus farbigen Schwefelfelder mit ihren brodelnden, bis zu 200 Grad heißen, Schlammtöpfen zu erkunden. Das Blubbern und Spucken gleicht einer magischen Hexenküche. Als es unter den dicken Schuhsohlen so richtig warm wird, spürt man hautnah, wie lebendig nahe hier das Erdinnere ist.

Überquert man den Bergrücken des Namafjalls und fährt hinab ins Tal, sieht man den Myvatn bereits in kurzer Entfernung. Der See ist, wie viele andere Seen in Island auch, vulkanischen Ursprungs. Er entstand vor etwa 3500 Jahren und das fruchtbare Land rund um den See wurde schon sehr früh besiedelt. Es lassen sich hier Stämmbäume bis in das 9. Jahrhundert zurückverfolgen. Kaum angekommen, werden wir sehr schnell gewahr, was es mit dem Namen auf sich hat: Myvatn = Mückensee. (steht ja schließlich so in jedem Reiseführer - und es fallen wohl alle Reisende, die das erste Mal hier ankommen, darauf herein). Abermillionen dieser lästigen Viecher stechen - zum Glück nicht - dafür krabbeln sie überall(!) hinein. So ist dann der erste Gang zum Supermarkt mit dem Kauf eines Gesichtnetzes zum Schutz vor diesen lästigen Insekten verbunden. Helfen tut dies allerdings nicht viel. Erst die kühle Abendluft und der aufkommende Wind lässt sie alle auf einmal verschwinden. Sie sitzen jedoch schon am nächsten Morgen wieder zu Tausenden auf dem Zeltdach und warten nur darauf, dass ein schlafsackgewärmter Mensch sich nach außen wagt, auf den sie sich stürzen können. Am See kampieren wir auf einem schönen großen Campingplatz, der mit Internetanschluss ausgestattet ist. Modernes Island! Das Surfen ist zwar recht teuer und zudem ein wenig langsam, doch wollen wir hier die Gelegenheit nutzen, unsere Reisezeitung zu aktualisieren. An diesem Abend gehen rund 20 neue Reisenachrichten online.

In der folgenden Nacht regnet es aus Kübeln und über Stunden weht ein harscher Wind. Kurzzeitig friert es uns in unseren neuen Schlafsäcken und es wird ungemütlich. An das Klima müssen wir uns erst noch ein bißchen gewöhnen. Wir hoffen, dass uns der Wettergott gnädig gesinnt sein wird, bisher folgte nach einer regnerischen Nacht immer ein schöner Tag. Doch der nächste Morgen ist regenverhangen. Ein Spaziergang entlang des Sees fällt relativ kurz aus, wir haben nicht viel Lust, heute Neues zu entdecken und beschließen, einen Ausruhetag einzulegen. Am Abend macht unsere Bergziege verdrießliche Zicken. Das Auto riegelt sich bei Schließung der Beifahrertür selbstständig ab. Der Schlüssel steckt natürlich innen, will bedeuten: die Zentralverriegelung ist wohl endgültig hin. Aber es geht doch nichts über eine gute ältere Automechanik und englische Fenster, die nicht hundertprozentig dicht schließen. Per klassischem Drahttrick lässt sich die Tür zum Glück wieder öffnen. Auf diesen Schreck gibt es erst mal eine schöne heiße Dusche. Das Wasser ist kochend heiss, kommt es in dieser Gegend doch direkt aus dem Erdinneren, und nach einiger Zeit gewöhnt man sich auch den starken Schwefelgeruch und den merkwürdigen Geschmack des Wassers beim Zähneputzen. Im Vergleich zu anderen Campingplätzen muss man für dieses schöne heiße Wasser wenigstens nicht extra bezahlen. Und auch das Kochen auf dem Gasherd im Kochzelt ist im Preis inbegriffen. Auf der anderen Seite gleichen diese angenehme Vorzüge die hohen Internetkosten (ein halbe Stunde für 440 ISK) wieder aus. Im Kochzelt herrscht heute Hochbetrieb. Der Sturm und der heftige Regen der letzten Nacht haben so manches kleine Zelt arg gezaust, wenn nicht sogar zerrissen. Auf den Gasherden dampfen zur Mittagszeit große Töpfe mit viel heißer Suppe für die durchnässten und windgebeutelten Radler und Wanderer.

Bis zum Mittag hat sich die Hauptregenfront verzogen, aber der Himmel bleibt den restlichen Tag wolkenverhangen und doch reicht die Zeitzwischen den Schauern, dass wir die nächsten Fotomotive auf unserer Reise ins Kameravisier nehmen können. Unweit unseres Standorts am Myvatn erhebt sich majestätisch der Ringwallvulkan Hverfjall. In der Mythologie steht er für das Sinnbild einer Flammenburg, einem Ort, der die Bewohner der Landes beschützen sollte. In der Edda-Sage nimmt hier die Liebesgeschichte zwischen dem Fruchtbarkeitsgott Freyr und der Riesentochter Gerda ihren Lauf. Am Fuße dieses mächtigen Ringwallvulkans, der hochaufragend wie eine riesige Burg über eine Stadt herrscht, breitet sich eine weite bizarre Lavalandschaft aus, die sich als wahres Labyrinth entpuppt. Viele schmale verschlungene Pfade führen durch diese ruinenhaft anmutende "Stadt". An vielen Stellen sieht man große Erdlöcher, tiefe Spalten, dunkle Höhlen und schmale Gassen, die geheimnisvoll erscheinen. In vielen Gesteinsformationen lassen sich maskenhafte Gesichter und Figuren erkennen, die wie Trolle anmuten. Dieser Ort mit seinen vielen markanten Felsformationen und Schluchten wird nicht umsonst "Dimmurborgir" - die dunkle Stadt - genannt. An dunklen regenwolkenverhangenen Tagen wie heute wirkt das zerklüftete Gelände wirklich gespenstisch. Wir hätten gerne noch mehr Zeit hier verbracht und noch ein paar Gespenster mehr fotografiert, doch die dunkel drohenden Regenwolken am Himmel geben an diesem Tag noch einmal ihr Bestes und vertreiben uns aus der Geisterstadt.

Auf der südlichen Route rund um den Myvatn entdecken wir eine Reihe mit leuchtend grünen Grasteppichen überwachsene Vulkankegel. Bei Sonne und Wind würde dies ein wunderbares Farbenspiel von hell- bis dunkelgrün ergeben, jedoch bei Regen und Wind macht es an diesem Tag nicht sonderlich Lust, sich dort länger aufzuhalten. Es ist zudem empfindlich kühl geworden. Auf halber Strecke auf dem Weg um den See herum wollen wir uns in einem Cafe am Straßenrand mit einer Tasse isländischen Kaffees aufwärmen, sogar Schokoladenkuchen lacht uns aus der Kuchentheke an. Nach Entgegennahme des wärmenden Getränks verschlägt es uns an der Kasse fast den Appetit: 4000 isländische Kronen für zwei Stück Kuchen und zwei Tassen Kaffee. Fazit: Kaffeehausausflüge in Island sind vom Programm gestrichen - fünf Euro für ein Stück Kuchen - die spinnen die Isländer. Berücksichtigt man die kurze Sommersaison, in der sich die Gäste hierher verlaufen, vermuten wir, dass das in der kurzen Zeit eingenommene Geld wohl für die restlichen Monate im Jahr für das Leben reichen muss.

Zum Abschluß dieser Reiseetappe möchten wir an dieser Stelle aus dem uns auf dieser Reise begleitenden Taschenbuch "Asgard" von Walter Hensen zitieren (erschienen 1985 im Bastei-Lübbe Verlag), das ein Gefühl beschreibt, das einige Isländer beschleicht, die den zunehmenden Tourismus rund um den Myvatn mit etwas Besorgnis betrachten und den Autor zu folgendem Gedanken bewogen hat: "Der Fremdenverkehr hat das Gebiet voll im Griff. Doch noch gibt es mehr Mücken als Besucher, mehr Vulkane als Hotels, mehr Vogelnistplätze als Autoparkplätze, mehr Uferpfade als Straßen, mehr Heißquellenhöhlen als geheizte Schwimmhallen. Wer von der Großstadt kommt, empfindet den Mückensee als Wildnis; wer aber Islands wahre Wildnis kennt und liebt, fährt bald wieder weiter".

Wir können uns im Jahre 2006 auch nicht des Eindruckes erwehren, dass hier rund um den Myvatn im Hochsommer für unseren Geschmack ein bißchen zu viel des Trubels ist: So bleiben auch wir nicht länger als unbedingt notwendig an diesem Ort.








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