Portbail Havre. Die Havres an der Westküste leben vom Wechsel der Gezeiten. Bei Ebbe liegt alles auf dem Trockenen. Und nur wenn das Wasser ganz hoch steigt, bekommt auch dieses Boot Wasser unter den Kiel. Foto: Barbara Homolka

Jenseits der Zeiten großer Flut grasen in den Havres die Schafe. Das Fleisch der Salzwiesenlämmer ist eine Spezialität.Foto: Barbara Homolka

Utah Beach. Einst begann hier die Landung der Alliierten zur Befreiung Frankreichs. Jede Menge (Wasser-)Spaß haben kann man auf den Stränden heute aber trotzdem. Foto: Barbara Homolka

St. Germain sur Ay. Über den Zöllnerpfad, oder auch GR 223, lässt sich der gesamte Cotentin, von Utah Beach bis zum Mont-St.-Michel, erwandern. Foto: Barbara Homolka

Bei den Grandes Marées laufen die Havres, die Salzwiesen, mit Meerwasser voll. Der eigentliche Strand von St. Germain (Plage) ist 4 Kilometer vom Aufnahmeort entfernt. Foto: Barbara Homolka

Eins der liebsten Hobbys der Normannen: Peche a pied. Bei Ebbe geht es im Watt auf Beutezug. Taschenkrebse, Strandschnecken, Krabben und sogar Jakobsmuscheln lassen sich auf dem Cotentin so "fischen".Foto: Barbara Homolka

Das Landesinnere des Cotentin ist eine einzigartige Naturlandschaft mit Sümpfen, Wäldern und Hügeln mit fantastischer Fernsicht. Vom Mont de Doville aus reicht der Blick weit über die Marais.Foto: Barbara Homolka

Die langen Sandstrände bieten sich nicht nur für Aktivitäten in und am Wasser, sondern auch für grenzenlose Ausritte an. Foto: Barbara Homolka

Frischer Fisch und Meeresfrüchte, Lamm, Kalb, Rind und Schwein bereichern auf dem Cotentin den Speiseplan. Foto: Barbara Homolka

Utah Beach. Bis zum Horizont und weiter – selbst in der Hauptsaison findet sich an den Stränden des Cotentin ein ruhiges Plätzchen. Foto: Barbara Homolka


Allgemeine Reiseinformationen
Cotentin: www.encotentin.fr
Die Manche: www.manchetourisme.com

Hauptreisezeit
Juli und August in den französischen Sommerferien.
Wer nicht auf die Ferien angewiesen ist, sollte in der Vorsaison (Mai/Juni) oder Nachsaison (September) reisen.

Anreise
Mit dem Pkw über Belgien nach Valenciennes, über die A2/A1 und A29 bis Amiens und Le Havre, über den Pont der Normandie, A13 bis Caen und N13 Richtung Cherbourg. Alternativ über Saarbrücken A4 über Metz bis Paris, ab Paris A13 Richtung Rouen und Caen; N13 Richtung Cherbourg.

Übernachten
Große Hotels findet man auf dem Cotentin nicht, dafür kleine, familiär geführte Häuser, zum Beispiel www.la-ferme-des-mares.com, www.hotelmarine.com. Sehr beliebt ist der Urlaub in Ferienhäusern. Außerdem stehen entlang der gesamten Küste zahlreiche Campingplätze und Wohnmobilstellplätze zur Verfügung.



FineArtReisen® Artikel Nr. 167510 vom 24.01.2016


Der Cotentin – eine Liebeserklärung

Splash! Eine riesige Welle peitscht über die Strandmauer kurz vor Ravenoville Plage und verwandelt für kurze Zeit die Straße in Ozean. Salzwasser um uns herum, Muscheln, Seetang, Treibgut, kleine Steinchen. Nicht ganz ungefährlich, vielleicht, aber unvergleichlich. Eins mit den Elementen, dem Wind, dem Land, dem Meer. Es ist ein stürmischer Tag, dieser 29. August, und im Sturm erobert der Cotentin mein Herz. Egal, wohin uns die Reiselust in den letzten Jahren getrieben hat, auf den Cotentin mussten wir immer. Immer wieder. Und wieder.

Die Halbinsel Cotentin ist der letzte Zipfel des französischen Departements Manche, zu deutsch: der Ärmel. Jener letzte Zipfel Frankreichs also, der uns auf der Landkarte  zuwinkt. Genau genommen und streng geografisch gesehen liegt er nicht im Atlantik, sondern im Ärmelkanal. Doch wer je an einem der Strände des Cotentin gestanden hat, der wird nur wenig Zweifel daran haben, es mit einem wilden, unbezähmbaren Ozean zu tun zu haben und nicht mit einem beschaulichen Kanal. Eine stürmische Braut ist hier die See, und das nicht nur, wenn ein ausgewachsenes Tief über den schmalen Landstreifen hinweg tobt.

Windig ist es fast immer. Der Wind beschert das, was wir „Normandie-Wetter“ nennen:  Einen Mix aus Sonne, Wolken, Wind, Regen. Meist hat ein einziger Tag alles davon zu bieten und wirklich schlechtes Wetter hält sich nie lang, sondern wird vom Wind schnell in alle Himmelsrichtungen verteilt. Extrem große Hitze und Trockenheit im Sommer sind sehr  selten, noch seltener sind Frost und Schnee im Winter. Das gemäßigte Klima lässt in den Vorgärten neben Hortensien auch Palmen wachsen, Gemüseanbau ist fast das ganze Jahr über möglich. Nun reist keiner nur des Wetters wegen, auch wir nicht. Wir reisen wegen der Landschaft, der Atmosphäre, des Genusses, der Menschen und der Kultur wegen. Und von allem lässt sich in diesem Landstrich, der auch „Klein-Irland“ genannt wird, und der die gehetzte Mitteleuropäer-Seele ebenso wunderbar entschleunigt wie die Insel-Republik, reichlich erleben und kennen lernen.

Abwechslungsreich wie das Wetter sind auch Licht und Farben auf dem Cotentin. Als würde Gott mit Farbeimern und Lichteffekten unablässig experimentieren, wie dieser kleine Garten Eden am besten zur Geltung käme, verändern sich Licht und Farben auf der Halbinsel ständig. Einst war der Cotentin fast eine Insel, und nur über einen schmalen Landstreifen bei den Lessayer Heiden zugänglich. Mit Hilfe der „portes à flot“, die das Eindringen des Meereswasser ins Landesinnere durch Schließen der Tore bei Flut verhindern, bei Ebbe das Süßwasser aber abfließen lassen, wurde ab dem 18. Jahrhundert der Cotentin zur Halbinsel. Das moorige Erbe lässt sich jedoch nicht leugnen. Die Heiden, Moore und Sümpfe im Landesinneren stehen seit 1991 als regionaler Naturpark Marais du Cotentin et du Bessin unter Schutz. Vor allem im Winter bietet sich hier ein unvergleichliches Naturschauspiel, wenn in den Marais das Wasser steigt, bis eine unendliche Seenlandschaft entstanden ist, in der Wasser und Himmel sich vereinen. Im Frühjahr, wenn das Wasser wieder in den Flussbetten ruht, und die Zugvögel gen Norden geflogen sind, nehmen Rinder und Pferde wieder Besitz von den grünen und saftigen Weiden der Marais. Weiden prägen fast überall auf dem Cotentin das Landschaftsbild, begrenzt durch die Bocage, riesige und uralte Wallhecken.

Ich liebe es, ziellos auf den kleinen Sträßchen, die labyrinthähnlich die sanfte Hügellandschaft durchziehen, das Land zu erkunden. Hinter jeder Kurve lauert eine Überraschung: Ein landestypisches Steinhaus, ein normannisches Longére, ein verträumter Weiler, blumengeschmückte Dörfer, imposante Herrenhäuser, kleine Schlösser und Burgen, verwunschene Ruinen und pittoreske Seen. Weiter oben im Norden wird das Land felsig, die Küsten steil und schroff, die Klippen gigantisch. Die Klippen rund um den Nez de Joburg mit 128 Metern sind gar die höchsten der gesamten Normandie. Erkunden lässt sich das Gebiet von Port Racine, Frankreichs kleinstem und malerischstem Hafen, bis in den Badeort Barneville-Carteret mit Auto, Motorrad oder Wohnmobil über die Route des Caps. Entschleunigt und genussvoll noch besser zu Fuß, über den Zöllnerweg, heute der GR 223, der vom Landungsstrand Utah Beach rund um den Cotentin bis zum Mont St. Michel führt. Das spektakulärste Stück, vom Hafen von Goury über das Vogelschutzgebiet Reserve de la mare in Vauville bis in die Dünen von Bivelle, ist mit 21 Kilometern auch als Tagestour zu bewältigen.

Lange Sandstrände, die bis zum Horizont reichen und die gerade in der Vor- und Nachsaison den Eindruck vermitteln, man sei der einzige Mensch auf der Welt, sind das Kennzeichen der Cote des Isles und Cote des Havres im Südwesten des Cotentin. Wellige Dünenketten, die von Millionen von Kaninchen, aber auch von Fasanen, Füchsen und Kreuzottern bevölkert werden. Dazwischen die Havres, die Salzwiesen, die bei Flut vom Meerwasser bedeckt und bei Ebbe urwüchsiges Marschland sind. Gewaltiger Tidenhub formt diese Landschaft zwischen Erde und Meer jeden Tag aufs Neue. Sie ist die Heimat der berühmten Salzwiesenlämmer, der pré-salés, die in der Bucht des Mont-Saint-Michel zu finden sind, aber auch in den Havres entlang der Westküste des Cotentin, etwa in Saint-Germain-sur-Ay. „Vorgesalzen“ ist dabei keine Übertreibung. Salz- und Süßwasser sorgen in den Havres für eine üppige und leicht salzig schmeckende Vegetation. In diesem Mikrokosmos gedeihen außerdem würzige Wildkräuter, die nur hier zu finden sind, wie etwa der Queller, der nicht nur in den Mägen der Schafe, sondern durchaus auch auf den Tellern der Gourmets landet.

Die Tische des Cotentin sind ohnehin üppig gedeckt. Das Fleisch der Salzwiesenlämmer gehört zu den vielen Spezialitäten der Halbinsel. Und natürlich die Früchte des Meeres. Austern werden an vielen Küstenabschnitten gezogen, die Moules de Barfleur zählen zu den Besten in Europa. Dazu gesellen sich Jakobsmuscheln, Krebse, Krabben und andere Krustentiere und natürlich Fisch in allen Variationen. Gekostet werden müssen auch saftiges Rind, zarte Kaninchen und Hühnchen, sowie kräftiger Schweineschinken. Zum Pflichtprogramm der Gourmets gehören die drei klassischen Cs: Cidre, Calvados und Camembert. Am besten schmecken all diese Leckereien, wenn man sie beim Bauern direkt, in der kleinen Käserei oder der handwerklichen Ciderie kauft. Oder auf einem der unzähligen Wochenmärkte der Region, jeder einzelne ein Fest für die Sinne. Wir lieben es, einen Vormittag lang durch das Marktgeschehen zu treiben, den Duft frischer Erdbeeren und frischer Meeresfrüchte in der Nase, einen Schluck milden Calvados auf der Zunge, Fisch, Käse, Gemüse und Rotwein fürs Abendessen im Gepäck.

Ich gestehe, dass für mich ein perfekter Tag im Cotentin aus Ausgiebigkeit besteht: Ausgiebig morgens am Strand entlang laufen oder ausgiebig wandern, ausgiebig Kaffee trinken, buttertriefende Croissants dazu essen und aufs Meer, wahlweise auch auf Salzwiesen oder Moore hinaus schauen, ausgiebig und sehr gut essen. Es soll nicht verschwiegen werden, dass man auf dem Cotentin mehr machen kann. Die Halbinsel lädt zu vielfältigen Aktivitäten zu Lande, zu Wasser und auch in der Luft ein. Es gibt so viele Sehenswürdigkeiten auf und um den Cotentin, dass alleine die Aufzählung diesen Artikel sprengen würde. Deshalb nur die Wichtigsten: Das Musée du Débaquement in Utah-Beach (Sainte-Marie-du-Mont), das Airborne-Museum in Sainte-Mère-Eglise, das Paratrooper-Museum am Dead Man’s Corner und die Landungsstrände vermitteln anschaulich die Operation Overlord, mit der die Befreiung der Normandie und Frankreichs am 6. Juni 1944 begann. Den Klosterberg Mont-Saint-Michel, ganz im Süden der Manche und Weltkulturerbe seit 1979, sollte man zumindest einmal in seinem Leben ausgiebig besucht haben. Ein einziger Besuch auf dem Cotentin reicht ohnehin nicht, und wessen Herz er im Sturm erobert hat, der wird immer wieder kommen wollen.


Autorin: Barbara Homolka




Foto: Barbara Homolka (Selbstportrait)

Barbara Homolka
Geboren und aufgewachsen bin ich in Schwäbisch Gmünd, einer beschaulichen Kleinstadt am Rande der Schwäbischen Alb. Schon bald zog es mich immer wieder in die große weite Welt hinaus. Per Anhalter und später auch mit dem 2CV, der kultigen Ente, ging es durch Europa und nach Marokko. Und auch das wirklich Sesshaftwerden fiel mir schwer: Wegen zahlreicher Umzüge passte mein Hab und Gut lange Jahre in einen Pkw Kombi, bis ich der Liebe und der Arbeit wegen dann in Bad Mergentheim blieb, einer noch beschaulicheren Kleinstadt im Lieblichen Taubertal. Dort arbeitete ich bis 2015 für die Tauber-Zeitung als Redakteurin, vorwiegend für Sonderthemen. Das Schreiben ist meine Leidenschaft. Gedichte, Geschichten Reportagen sind aus Füllern geflossen, mit viel Intensität in die Tasten einer Schreibmaschine gehauen worden und erblicken mittlerweile mit Hilfe von PC und Software das Licht der Welt. Ich liebe es, Menschen zu porträtieren, von ihren Ideen und Projekten zu berichten. Über mich selber schreiben fällt mir schwer, genauso wie ich mich hinter der Kamera wohler fühle als davor. [lesen Sie hier weiter]





Datenschutzerklärung

FineArtReisen nimmt den Schutz Ihrer persönlichen Daten sehr ernst und hält sich strikt an die Regeln der Datenschutzgesetze. Personenbezogene Daten auf dieser Webseite werden nur im technisch notwendigen Umfang und im Zusammenhang mit den von Ihnen übermittelten Kommentaren erhoben. In keinem Fall werden die erhobenen Daten verkauft oder aus anderen Gründen an Dritte weitergegeben.

FineArtReisen erhebt und speichert automatisch im Falle des von Ihnen abgegebenen Kommentars die Einträge aus obigen Formular, die IP-Adresse des von Ihnen benutzten Rechners sowie die Uhrzeit der Übermittlung. Diese Daten können unter Zuhilfenahme anderer Datenquellen bestimmten Personen zugeordnet werden. Eine Zusammenführung dieser Daten mit anderen Datenquellen wird seitens FineArtReisen nicht vorgenommen.



Mein Kommentar soll gespeichert und veröffentlicht werden.
Hierzu erkläre ich mein Einverständnis zur Datenschutzerklärung.





Impressum

Copyright © by FineArtReisen. Die Urheberrechte der vorliegenden Publikation liegen, soweit nicht durch Autorennennung, Quellennachweis oder Bildunterschriften anderweitig angezeigt, bei FineArtReisen. Die Verwendung der Texte und Abbildungen, auch auszugsweise, bedarf der schriftlichen Zustimmung des Rechteinhabers. FineArtReisen ist ein eingetragenes Markenzeichen beim DPMA (Deutsches Patent- und Markenamt). All rights reserved!

Anzeigen

 
 
 
AdVert (Content - Werbung)