Foto: Iwona Knorr

FineArtReisen® Artikel Nr. 196623 vom 14.04.2017
Quelle: FVA D Mecklenburg-Vorpommern

Wo Fischers Fritze frische Fische fischt

5 Uhr 45. Wenn die Sonne aufgeht über Rügen, beginnt die Arbeit für Roberto Brandt. Per Holzkutter und mit Zwei-Mann-Crew geht es auf See, zum Fischzug vor den Stränden von Binz, Sellin, Baabe und Göhren. Knapp 20 Minuten fahren sie vom Ufer bis zu den Aalreusen. Die Fische werden gleich an Bord sortiert – unter den Augen der hungrigen Möwen. Die zweite Tour führt weiter hinaus auf die See. Mit dem großen Aluminiumboot holen sie die 500 Meter langen Netze ein und setzen sie neu – das allein dauert eine geschlagene Stunde. Und lohnt sich heute kaum: Im Netz zappelt nur wenig Silber.

Kaum ein Beruf an der Küste ist typischer ist als der des Fischers. Am Strand, im Hafen, weit draußen auf dem Meer oder dem Bodden – überall entdeckt man Boote, Netze, Reusen und anderes Fischereigerät. Doch was da eigentlich beim Fang unter Wasser geschieht, wie der Fisch in die Netze gelangt, welchen Zweck Schwimmkörper, Pfähle, Fähnchen, Anker und Leinen haben, wissen nur wenige. Jeder Fischer hingegen kennt seine Fanggründe sehr genau. Er weiß exakt wo, mit welchem Gerät und zu welcher Jahreszeit er Hecht, Zander, Barsch, Hering oder Hornfisch fangen kann. Ergo sorgt er täglich für frischen Nachschub – im doppelten Sinn.

Doch während die Nachfrage nach hochwertigem lokalen Fisch immer mehr brummt, geht es mit dem altehrbaren Handwerk des traditionellen Küstenfischers seit geraumer Zeit abwärts. Waren allein in Baabe 1990 noch 15 Berufsfischer aktiv, sind heute nur noch Roberto Brandt, sein Sohn und ein Kollege übrig, Und selbst für sie wir es immer enger – durch Fang-quoten, Schutzzonen, Schonzeiten. „Vor wenigen Jahren hatte ich noch eine Heringsquote von 30 Tonnen“, erzählt Roberto, „das hat für mich gereicht. Jetzt sind wir runter auf 17 Tonnen ….“

Brandt jammert nicht, er kompensiert den Verlust. Mit Strandkorbverleih und Strandverkauf meerwasserfrisch aus dem Boot. Mit Räucherfisch aus eigenem Ofen und eigenem Lokal in Baabe, in dem Fischers Fru ausschließlich serviert, was ihr Mann jeden Morgen mitbringt aus dem Meer. Die Küche ist einfach, ehrlich und gut: Flunder mit Zitrone und Bratkartoffeln. Hornfischrogen, in Mehl und Salz gewendet und gebraten. Je nach Jahreszeit Hering, Dorsch und Steinbutt. Dazu ein Stralsunder „Störtebeker“, das „Bier der Gerechten“ – das passt perfekt. In der Ladentheke liegt Geräuchertes und Mariniertes sowie Frischfisch – der wird auf Wunsch für die Heimfahrt „reisefertig“ verpackt.

Generell gilt: Wer frischen Fisch zu Tisch essen möchte, wird in den einfachen Dorfgaststätten schon mal bestens bedient. Strandcafé in Thiessow, Fähreck in Trent, Kliesows Reuse in Middelhagen, Gasthaus Schilling in Schaprode oder das Bistro von Fischer Peters in Polchow – sie alle arbeiten direkt mit den Fischern im Ort zusammen und sind flexibel: Was es frisch gibt, steht auf einer Tafel am Straßenrand. Den unermüdlichen Arbeitern des Meeres wiederum setzte die Fotografin Iwona Knorr ein Denkmal. Über Jahre begleitete sie die Strand- und Küstenfischer auf Rügen mit ihrer Kamera, im Ergebnis entstand ein großartiger Bild-band über stolze, wettergegerbte Menschen, „die eine anstrengende Arbeit ausüben ohne sichere Aussicht auf Belohnung. Und das aus tiefer Überzeugung, mit großer Ruhe und Verlässlichkeit.“

Sie alle – der Fisch und die Fischer, der Fischgenuss und die Menschen, die ihn jeden Tag vor Ort erst möglich machen – stehen im Fokus, wenn Rügen vom 28. April bis 7. Mai seine Fisch(er)tage feiert. Mit Heringsfesten in Altefähr am Strelasund, wo der Fisch quasi direkt am Fangort genossen wird sowie in Göhren auf dem Mönchgut, wo rund um das Museumsschiff „Luise“ etwa um den Titel des Fischsuppenkönigs wettgekocht wird. Mit Grillfesten in Sassnitz bei der Kutter- und Küstenfisch Manufaktur und am Hafen Schaprode, wo die Hiddenseer Kutterfischer täglich ihren Fang entladen.

In Middelhagen geht es dann zum Fischbüfett in den „Storchenhof“ und in Thiessow zur Fischereigenossenschaft Leuchtfeuer, in der sieben Haupterwerbsfischer täglich ihren Fang direkt vom Kutter verkaufen. Auf dem Mönchgut widmet sich eine Wanderung dem Thema Küstenfischerei, und direkten Draht zu Fischern findet man im Kult-Imbiss von Jürgen Kuse in Binz und beim Klönsnack mit Roberto Brandt in Baabe. Auf der dortigen Promenade werden die Fisch(er)tage übrigens auch eröffnet – mit der Open Air Ausstellung „Am Meer bei den Baaber Fischern“. Eine Hommage von Iwona Knorr mit 32 eindrucksvollen Fischerporträts; über QR Codes können zudem Videos zu deren Arbeit aufgerufen werden.

Nicht zuletzt führt der Themenradweg „Das Silber des Meeres“ zu Häfen, Fischern, Fischräuchereien und natürlich einer breiten Palette an Fischgerichten– vom klassischen Brötchen bis zur exklusiven Feinschmeckerplatte. Der Rundweg informiert über Fanggemeinschaften, Fangmethoden und die bis heute lebendige Tradition, Fisch durch Salzen, Einlegen und Räuchern besonders haltbar und schmackhaft zu machen. Und schließlich komplettieren das Hafen- und Fischereimuseum in Sassnitz, das Seefahrerhaus in Sellin, die Mönchguter Museen in Göhren und die „Lütt Partie“ in Neuendorf auf Hiddensee den intensiven Ausflug in die ganz und gar eigene Welt der Fischer auf Rügen.



Weitere Informationen: www.auf-nach-mv.de




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